An den verehrten Mitbruder
Erzbischof FRANC RODÉ,
Präfekt der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die
Gesellschaften apostolischen Lebens
Aus Anlass der Vollversammlung dieser Kongregation richte ich mit Freude an alle
Teilnehmer meinen herzlichen Gruß. Ich grüße insbesondere Sie, den Sekretär und
alle, die in dem von Ihnen geleiteten Dikasterium arbeiten. Zusammen mit meinen
Grüßen bringe ich meinen Dank und meine Freude zum Ausdruck: Ich danke Euch für
Eure gemeinsam mit mir getragene Sorge um die Personen des geweihten Lebens und
für Euren Dienst an ihnen, und ich freue mich, dass ich mich durch Euch an alle
geweihten Frauen und Männer wenden kann, die Christus nachfolgen auf dem Weg der
evangelischen Räte und gemäß ihrem jeweiligen besonderen Charisma, wie es vom
Geist eingegeben wurde.
Die Geschichte der Kirche ist geprägt vom Wirken des Heiligen Geistes. Er hat
sie nicht nur durch die Gaben der Weisheit, der Prophetie und der Heiligkeit
bereichert, sondern ihr durch das Wirken von Gründern und Gründerinnen, die ihr
Charisma auf Familien geistlicher Söhne und Töchter übertragen haben, immer neue
Formen des Lebens im Geiste des Evangeliums geschenkt. Daher können die Mönche,
Ordensleute und Personen des geweihten Lebens heute in den Klöstern und Zentren
für Spiritualität den Gläubigen Oasen der Kontemplation und Schulen des Gebetes,
der Glaubenserziehung und der geistlichen Begleitung anbieten. Vor allem aber
führen sie das große Werk der Evangelisierung und des Zeugnisses fort, und zwar
in allen Kontinenten bis zu den Vorposten des Glaubens, mit Großmut und oft
durch die Hingabe des eigenen Lebens bis hin zum Martyrium. Viele von ihnen
widmen sich ganz der Katechese, der Erziehung, der Lehre, der Förderung der
Kultur oder dem Dienst der sozialen Kommunikation. Sie stehen den Jugendlichen
und ihren Familien wie auch den armen, alten, kranken und einsamen Menschen zur
Seite. Es gibt keinen Bereich des menschlichen und kirchlichen Lebens, in dem
sie nicht anwesend wären. Ihr Wirken, das sich oft im Stillen abspielt, aber
immer aktiv und kreativ ist, ist gleichsam eine Fortsetzung der Gegenwart Jesu,
der umherzog und allen Gutes tat (vgl. Apg 10,38). Die Kirche ist dankbar für
das Zeugnis der Treue und Heiligkeit, das viele Mitglieder von Instituten des
geweihten Lebens ablegen, für das unablässige Gebet, das als Lobpreis und
Fürbitte aus der Mitte ihrer Gemeinschaften aufsteigt, und für ihr Leben im
Dienst des Volkes Gottes.
Ebenso wie in anderen Bereichen des kirchlichen Lebens fehlt es natürlich auch
im geweihten Leben der heutigen Zeit nicht an Prüfungen und Schwierigkeiten.
"Der große Schatz der Gabe Gottes" – daran habt Ihr zu Abschluss der vergangenen
Vollversammlung erinnert – "wird in zerbrechlichen, irdenen Gefäßen bewahrt
(vgl. 2 Kor 4,7), und das Geheimnis des Bösen verfolgt auch jene, die ihr ganzes
Leben Gott weihen" (CIVCSVA, Instruktion "Neubeginn in Christus", 11; O.R. dt.,
Nr. 28, 12.7.2002, S. 10). Anstatt jedoch hier die Schwierigkeiten, denen das
geweihte Leben in der heutigen Zeit gegenübersteht, aufzuzählen, möchte ich
allen geweihten Männern und Frauen die Nähe, Fürsorge und Liebe der ganzen
Kirche zusichern. Das geweihte Leben steht zu Beginn des neuen Jahrtausends vor
gewaltigen Herausforderungen, denen es nur gemeinsam mit dem ganzen Volk Gottes,
zusammen mit seinen Hirten und dem Volk der Gläubigen entgegentreten kann. Aus
diesem Kontext ergibt sich die Aufmerksamkeit, welche die Kongregation für die
Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens auf
Eure Vollversammlung richtet, bei der drei konkrete Themen behandelt werden.
Das erste Thema betrifft die Ausübung der Autorität. Es handelt sich dabei um
einen notwendigen und wertvollen Dienst, der ein wahrhaft brüderliches Leben auf
der Suche nach dem Willen Gottes gewährleistet. In der Tat ist es der
auferstandene Herr selbst, der unter den Brüdern und Schwestern, die in seinem
Namen versammelt sind, wieder gegenwärtig ist (vgl. Perfectae caritatis, 15) und
der den zu beschreitenden Weg aufzeigt. Nur wenn der Obere seinerseits im
Gehorsam gegenüber Christus lebt und die Ordensregel aufrichtig einhält, können
die Mitglieder der Gemeinschaft deutlich sehen, dass ihr Gehorsam gegenüber dem
Oberen nicht nur nicht gegen die Freiheit der Kinder Gottes verstößt, sondern
diese sogar zur Reife bringt, in der Nachahmung des Gehorsams Christi gegenüber
dem Vater (vgl. ebd., 14).
Das zweite für die Vollversammlung gewählte Thema betrifft die Kriterien für die
Prüfung und Approbation neuer Formen des geweihten Lebens. "Das Urteil über ihre
Echtheit und ihren geordneten Gebrauch" – so heißt es in der Dogmatischen
Konstitution "Lumen gentium" zu den Charismen im allgemeinen – "steht bei jenen,
die in der Kirche die Leitung haben und denen es in besonderer Weise zukommt,
den Geist nicht auszulöschen, sondern alles zu prüfen und das Gute zu behalten"
(Nr. 12). Dies versucht auch Ihr in diesen Tagen zu tun, ohne dabei zu
vergessen, dass Eure wertvolle und schwierige Arbeit im Geist der Dankbarkeit
gegenüber Gott geschehen muss, der auch heute durch die Kreativität und
Freigebigkeit seines Geistes seiner Kirche den Reichtum immer neuer Charismen
schenkt.
Das dritte Thema, das Ihr behandelt, betrifft das monastische Leben. Ihr geht
von bestimmten Situationen aus, die kluge und entschlossene konkrete Maßnahmen
erfordern, um dann Euren Blick auf den weiten Horizont dieser Realität zu
richten, die in der Kirchengeschichte soviel Bedeutung gehabt hat und noch immer
hat. Ihr sucht nach geeigneten Wegen, um im neuen Jahrtausend dem monastischen
Leben wieder neuen Elan zu verleihen. Die Kirche braucht es auch heute, denn es
ist für sie ein Zeugnis für die Souveränität Gottes, der ohne Unterlass gelobt
und angebetet wird, dem gedient und der geliebt wird mit jedem Gedanken, mit
ganzer Seele, mit ganzem Herzen (vgl. Mt 22,37).
Abschließend freue ich mich, hervorheben zu können, dass die Vollversammlung im
Rahmen der Feierlichkeiten stattfindet, die das Dikasterium anlässlich des 40.
Jahrestages der Promulgation des Konzilsdekretes "Perfectae caritatis" über die
Erneuerung des Ordenslebens angeregt hat. Ich wünsche mir, dass die
grundlegenden Weisungen, die die Konzilsväter damals für das geweihte Leben
vorgegeben haben, heute weiterhin eine Quelle der Inspiration für diejenigen
bleiben mögen, die ihre Existenz in den Dienst des Reiches Gottes stellen. Ich
nehme hier vor allem auf die Norm Bezug, die das Dekret "Perfectae caritatis"
als "vitae religiosae ultima norma" bezeichnet, als "letzte Norm des
Ordenslebens", nämlich die "Nachfolge Christi". Eine echte Wiederbelebung des
religiösen Lebens kann es nur dann geben, wenn man versucht, sein Leben
vollkommen am Evangelium auszurichten, ohne irgend etwas der einzigen Liebe
vorzuziehen, und wenn man in Christus und in seinem Wort das tiefste Wesen des
Charismas des jeweiligen Gründers oder der Gründerin entdeckt.
Das Konzil hat außerdem auf die grundlegende Notwendigkeit hingewiesen, sich
selbst auf großherzige und kreative Weise den Brüdern und Schwestern
hinzuschenken, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, selbstgenügsam zu werden,
sich auf dem Erreichten auszuruhen oder in Pessimismus und Müdigkeit zu
verfallen. Das Feuer der Liebe, das der Heilige Geist in den Herzen entfacht,
drängt dazu, stets nach den Bedürfnissen der Menschheit zu fragen und nach einem
Weg, ihnen entgegenzukommen. Dies geschieht im Bewusstsein, dass nur derjenige,
der die Souveränität Gottes anerkennt und entsprechend lebt, wirklich den wahren
Bedürfnissen des Menschen, der das Abbild Gottes ist, entsprechen kann.
Ich möchte noch eine der vielen wichtigen Weisungen, die die Konzilsväter im
Dekret "Perfectae caritatis" gegeben haben, aufgreifen, und zwar die Bemühungen
der geweihten Person um die Pflege eines aufrichtigen Gemeinschaftslebens (vgl.
15), und zwar nicht nur innerhalb der einzelnen Gemeinschaften, sondern mit der
ganzen Kirche, denn die Charismen sollen bewahrt, vertieft und ständig
entwickelt werden "in Harmonie mit dem ständig wachsenden Leib Christi" (Mutuae
relationes, 11).
Dies sind die Gedanken, die ich in Bezug auf die von der Vollversammlung
aufgegriffenen Themen Eurer Reflexion anvertrauen möchte. Ich begleite Euch mit
meinem Gebet, und während ich für Euch und Eure Arbeit den Beistand Gottes und
den Schutz der allerseligsten Jungfrau erbitte, erteile ich als Zeichen meiner
Zuneigung einem jeden von Euch meinen Segen.
Castelgandolfo, 27. September 2005, Gedenktag des hl. Vinzenz von Paul
BENEDICTUS PP. XVI
[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichte deutsche Übersetzung des Originals]