BERNHARD VON CLAIRVAUX, Über die Gottesliebe

 

Entweder ein Leben um der Güter willen oder leben unter der Leitung der Vernunft und mit dem Aufblick zur Person Gottes!

 

 

„18. Jedem, der sich seiner Vernunft in naturgegebener Weise bedient, ist es eigen, immerdar das seiner Einschätzung und Absicht nach Bessere zu erstreben, und der ist mit keiner Sache zufrieden, dem das noch fehlt, was er für das Vorzüglichere hält. …Wenn du in ganzer Fülle das erreichen willst, was du begehrst, das heißt, wenn du das ergreifen willst, nach dessen Erlangung du nichts weiter mehr begehrst, was hilft es dann, auch das übrige zu versuchen? Du läufst auf dem falschen Weg und wirst sterben, lange bevor du auf diesem Umweg zum erwünschten Ziel kommst.

19. So gehen die Gottlosen immer im Kreis. …(S)ie, die sich mehr freuen am Schein der Dinge als an ihrem Schöpfer, die lieber zuerst die ganze Schöpfung durcheilen und die einzelnen Dinge erfahren wollen, als dass sie dafür Sorge tragen, zum Herrn des Alls zu gelangen. …(N)ach dem Gesetz seiner Begierde – nach dem er mehr das zu begehren pflegt, was er nicht hat, als das, was er hat, und er mehr Überdruss empfindet an dem, was er besitzt, als wegen dem, was ihm fehlt – würde er zweifellos, nachdem er alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, erlangt und verachtet hat, endlich zu dem selbst laufen, der ihm allein von allem fehlte: zu Gott. Dort würde er endlich Ruhe finden; denn so, wie uns im Diesseits keine Ruhe zuteil wird, so quält uns im Jenseits keine Unruhe mehr. Gewiss würde er dann sagen: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück!” (Ps 72, 28) „Was habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde.“ (Ps 72, 25) Und auch: „Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig.“ (Ps 72, 26) So also würde, wie gesagt, jeder, der danach verlangt, zu dem kommen, was das Beste ist, wenn er nämlich zuvor alles erlangen könnte, was er außer diesem begehrt.

20. Da dies aber sowohl das allzu kurze Leben als auch die zu schwache Kraft und die zu große Zahl der Mitbewerber völlig unmöglich macht, plagen sie sich auf einem langen Weg und in vergeblicher Mühe ab und können, während sie jedes einzelne ersehnen und erlangen wollen, nicht zum Endpunkt aller erstrebenswerten Güter gelangen. O, dass sie doch alles im Geist und nicht in der Erfahrung zu erreichen suchten! Das nämlich könnten sie leicht, und es wäre nicht vergeblich. Denn der Geist ist im Vergleich zu den körperlichen Sinnen um so viel schneller, je durchdringender er ist, und er ist uns dazu gegeben, dass er jenen in allem vorangeht; und der Sinn soll nichts zu berühren wagen, was der vorauseilende Geist nicht zuvor als nützlich gebilligt hat. Von daher nämlich, glaube ich, stammt das Wort: „Prüft alles, und behaltet das Gute!“                   (1 Thess 5, 21), so also, dass der Geist für die Sinne vorausschauend sorgt und diese die Befriedigung ihrer Wünsche nur nach dessen Urteil erlangen dürfen. Anders gelangst du nicht zum Berg des Herrn und kannst nicht stehen an seiner heiligen Stätte, weil du nämlich deine Seele, das heißt hier deine Vernunft müßig ist und nirgends Widerstand leistet.“  

 

       (BERNHARD VON CLAIRVAUX, Über die Gottesliebe, 18-20, herausgegeben von G. Winkler, Bernhard von Clairvaux, Sämtliche Werke: lateinisch/ deutsch, Band 1, Innsbruck 1990, 105, 107 u. 109.)

 


 

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