RUNDBRIEF (6)

VOM SEKRETÄR DES SEKRETARIATES O.CIST. FÜR LITURGIE

AN DIE KLÖSTER DES ORDENS

ZUR ADVENTS- UND WEIHNACHTSZEIT 2006/2007

 

PAX

 

 

„VON ANFANG ZU ANFANG DURCH ENDLOSE ANFÄNGE“....

 

 

Liebe Mitschwestern!

Liebe Mitbrüder!

 

 

Mit dem Advent beginnen wir wiederum ein neues Kirchenjahr. In einer grossen theologischen Schau hat das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) Wesen und Sinn des Kirchenjahres so beschrieben: „Im Kreislauf des Jahres entfaltet die Kirche das ganze Mysterium Christi von der Menschwerdung und Geburt bis zur Himmelfahrt, zum Pfingsttag und zur Erwartung der seligen Hoffnung und der Ankunft des Herrn“ (Liturgiekonstitution Nr. 102). Immer und immer wieder also fangen wir die Feier und die Betrachtung des liturgischen Jahres, das heisst des Christus-Geheimnisses, von vorne an. Das erinnert uns an das schöne Wort des heiligen GREGOR VON NYSSA (+394) in einer seiner Hoheliedpredigten (Predigt 8): „Wer aufsteigt, hört nie auf, durch endlose Anfänge von Anfang zu Anfang zu schreiten. Wer aufsteigt, hört nie auf, zu ersehnen, was er schon kennt“... Dabei aber ist dieser „Kreislauf“ des Kirchenjahres“ weder als „im Kreislauf wieder zurückkehrende Zeit“ („Rad des Werdens“) zu verstehen oder etwa als „ewige Wiederkehr des Gleichen“ noch als eine „Linie, die ewig weiterläuft“, sondern im spezifisch christlichen Sinne als „eine sich in Kreisen höher hebende Bewegung  (Spirale), deren Mitte und Ziel das Christus-Mysterium ist“. Dieses theologische Konzept des Kirchenjahres, welches das Konzil weitgehend übernommen hat, stammt vor allem vom bekannten Theologen Odo CASEL (+1948), Mönch der Benediktinerabtei von Maria Laach.  Seit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist alle Zeit „von Christus erfüllte Zeit: Christus-Zeit“. Papst JOHANNES PAUL II. (+2005) hat in seinem Schreiben « Tertio millennio adveniente » (10.11.1994)  erklärt : „Christus ist der Herr der Zeit; er ist ihr Anfang und ihre Erfüllung; jedes Jahr, jeder Tag und jeder Augenblick werden von seiner Menschwerdung und seiner Auferstehung umfangen und befinden sich auf diese Weise in der ‚Fülle der Zeit’...“ (Nr. 10). Auf was es bei der Feier des Kirchenjahres ankommt, hat P. Odo CASEL wie folgt erläutert: „Dieses Leben des Kyrios Christus, diesen gewaltigen Lauf vom Schosse der Jungfrau und der Krippe bis zum Throne der Majestät in der Höhe [vgl. den Weihnachtshymnus des heiligen Ambrosius (+397) in der frühen Zisterzienserliturgie: „Intende, qui regis Israel“], dies Mysterium gilt es, im Kirchenjahr mitzuerleben. Die grossen Erlösungstaten gilt es zu begehen und sich anzueignen, nicht bloss etwa das irdische Leben des Herrn in seinen Einzelheiten gemütvoll zu betrachten und nachzuahmen..., sondern in objektiver pneumatischer [geistgewirkter] Wirklichkeit.. Konkret gesprochen: Den Advent feiern wir nicht, indem wir uns in den Zustand der unerlösten Menschheit zurückversetzen, sondern in der Gewissheit des schon erschienen Herrn, für den wir unsere Seelen bereiten müssen, wobei uns die Sehnsucht der alten Frommen Vorbild und Form ist...“ (Das christliche Kultmysterium). Unsere ersten Zisterzienserväter, vor allem der heilige BERNHARD (+1153), geben uns in ihren Predigten zu den Festen und Festzeiten des Kirchenjahres wertvolle spirituelle Impulse zur Vertiefung der Heils- und Glaubensgeheimnisse, welche die Kirche im Jahreslauf feiert. Unsere beiden Mystikerinnen von Helfta, die heilige GERTRUD DIE GROSSE (+1302), deren 750. Geburtstag wir dieses Jahr begangen haben und die heilige MECHTHILD VON HACKEBORN (+1299), sind wunderbare Beispiele, wie man aus der Liturgie und der intensiven Mitfeier des Kirchenjahres leben kann. Sie sind exemplarische Vertreterinnen einer liturgischen Spiritualität. Vielleicht könnten wir jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit ausgewählte Texte unserer geistlichen Autoren und Autorinnen bei unserer „Lectio divina“ lesen, meditieren und für unser persönliches Leben aktualisieren. Die Liturgie der Advents- und Weihnachtszeit selbst aber mit ihren wunderbaren biblischen und liturgischen Texten gibt uns wertvolle Gedanken, Anregungen und Motivationen, die uns im Alltag leiten und stärken können.

 

Bereits in zwei Rundbriefen habe ich die liturgische Feier des Advents und der Weihnachtszeit behandelt, und zwar immer mit einem Bezug auf die Praxis, nämlich in:

 

 

 

In diesem Brief möchte ich fortfahren mit ein paar Hinweisen zu den zwei folgenden Festen der Weihnachtszeit: das Hochfest Epiphanie und das Fest der Taufe Christi, zwischen denen ein tiefer Zusammenhang besteht.

 

 

1. DAS HOCHFEST DER ERSCHEINUNG DES HERRN (EPIPHANIE)

AM 6. JANUAR

 

 

Die Weihnachtszeit könnte man mit einer Ellipse vergleichen, deren zwei Brennpunkte das Weihnachtsfest am 25. Dezember und das Fest Epiphanie am 6. Januar sind. Mit Rücksicht auf unser modernes Leben und die Arbeitswelt wird allerdings in mehreren Ländern und Regionen das Hochfest Epiphanie nicht mehr am 6. Januar gefeiert, sondern auf den Sonntag zwischen dem 2. und 8. Januar verlegt. In unserem Orden wurde das Fest am angestammten Datum prinzipiell beibehalten, wobei die einzelnen Klöster je nach Land entscheiden müssen, wann sie Epiphanie feiern.

 

1.1 Zur Entstehung und Geschichte des Festes

 

Ursprünglich war das Weihnachtsfest des Westens der 25. Dezember und das Weihnachtsfest des Ostens der 6. Januar. Wie durch Osmose haben der Westen und der Osten im späten 4. Jahrhundert die zwei Feste übernommen. Beide Festtage sind daher von ihrem Ursprung und ihrem theologischen Gehalt her Weihnachtsfeste, allerdings mit verschiedenen Akzentsetzungen. Die Geschichte von Epiphanie ist recht kompliziert,  und die eigentlichen Wurzeln des Festes bleiben bis heute im Dunkeln. Wie es der griechische Name „Epiphanie“ (Erscheinung) oder „Theophanie“ (Gotteserscheinung) andeutet, stammt das Fest aus dem Osten und wurde im 4. Jahrhundert in der Westkirche eingeführt. Der Festtitel „Epiphanie“ deutet aber bereits auch darauf hin, dass der 6. Januar weit mehr ist als ein volkstümliches „Dreikönigsfest“. Epiphanie ist die Offenbarung des Gottessohnes Jesus Christus vor aller Welt. In Griechenland und Russland nennen die Christen diesen Tag: „Hochfest der heiligen Theophanien unseres Herrn Jesus Christus“.

 

Genau wie beim Weihnachtsfest geht auch der Termin des Epiphaniefestes auf heidnische Kulte zurück, und zwar ebenfalls im Zusammenhang mit der Feier der Wintersonnenwende, die in Ägypten vermutlich am 5./6. Januar stattfand. Man feierte am 25. Dezember oder am 6. Januar den Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes, den die Christen umdeuteten als Geburtstag Jesu Christi, „des wahren Lichtes der Welt“ (vgl. Joh 8,12; 1,9). Aus alten Quellen ist zudem zu erfahren, dass die gnostische Sekte der Basilidianer in Alexandrien zu Beginn des 3. Jahrhunderts am 6. Januar das Fest der Taufe Christi beging, bei der durch die Herabkunft des Heiligen Geistes die eigentliche Zeugung und Geburt des Gottessohnes geschahen. Die Taufe Christi sollte in der Folge, die eigentliche Thematik des östlichen Epiphaniefestes werden. Nach anderen Berichten gingen die Ägypter am 6. Januar zu den Flüssen, um Wasser zu schöpfen. Hier dürfte übrigens einer der Ursprünge der Wassersegnung an Epiphanie sein. Von Ägypten aus scheint sich das Fest vom 6. Januar in der zweiten Hälfte des  4. Jahrhunderts sowohl im Osten und als auch im Westen verbreitet zu haben. In der abendländischen Kirche ist das Fest Epiphanie zuerst in Gallien, Spanien, Norditalien und Ravenna greifbar, wobei aber die Themen des Festes erweitert worden sind. An Epiphanie gedachte man nämlich ausser der Menschwerdung und der Taufe Christi auch noch der Anbetung der Magier, der Hochzeit zu Kana und der Brotvermehrung. Diese Festinhalte sind beispielsweise vereinigt im wunderbaren Epiphaniehymnus des heiligen AMBROSIUS von Mailand (+397): „Illuminans altissimus“, den unsere Väter von Cîteaux in ihre Liturgie aufgenommen haben (vgl. das sogenannte Stephansbrevier von 1132). Für Rom sind die Homilien des heiligen Papstes LEO DES GROSSEN (+416) das früheste sichere Zeugnis über die Feier  des Festes Epiphanie.

 

1.2 Inhalt des Festes

 

Als der Osten (ausser Armenien) im späten 4. Jahrhundert das Weihnachtsfest vom 25. Dezember aus der römischen Liturgie übernahm, wurde der 6. Januar, anfänglich das östliche Fest der Menschwerdung des Herrn, vorwiegend zum Fest der Taufe Christi. In der römischen Liturgie, wenigstens in der Messliturgie,  wurde der 6. Januar zum Fest der Anbetung der Magier (vgl. Mt 2,1-12), zum Fest der heiligen drei Könige, während die römische Stundenliturgie allmählich aus dem gallischen, spanischen und norditalienischen Raum die zusätzlichen Motive der Taufe Christi, der Hochzeit zu Kana und der Brotvermehrung aufgenommen hat. Die gegenseitigen Einflüsse der ost- und westkirchlichen Liturgie sind noch heute in den liturgischen Texten des Epiphaniefestes ablesbar. Die Antiphon „Hodie coelesti Sponso“ (im Zisterzienserbrevier ist es die Benedictus-Antiphon) bringt den Gesamtzusammenhang der Festfeier sehr gut zum Ausdruck: „Heute wurde die Kirche dem himmlischen Bräutigam vermählt: Im Jordan wusch Christus sie rein von ihren Sünden. Die Weisen eilen mit Geschenken zur königlichen Hochzeit. Wasser wird in Wein gewandelt und erfreut die Gäste. Halleluja“. Gerade dieser Text wie auch die bekannte Magnificat-Antiphon „Tria miracula“ (Drei Wunder) zeigen deutlich, dass der theologische Gehalt des Epiphaniefestes weit über ein blosses Dreikönigsfest hinausgeht. Epiphanie bündelt nämlich die wichtigsten Ereignisse aus den ersten Jahren des Jesus von Nazareth und feiert sie als Offenbarungen und Erscheinungen seiner Göttlichkeit. Auch in der römischen Liturgie galt Epiphanie früher als ein so wichtiges Fest, dass es mit einer Vigil- und Oktavfeier begangen wurde und die darauffolgenden Sonntage als „Sonntage nach Epiphanie“ bezeichnet wurden.

 

Die Überführung der vermeintlichen Reliquien der heiligen drei Könige am 23. Juli 1164 nach Köln, wo sie im berühmten Schrein des Domes aufbewahrt werden, gab der Dreikönigsverehrung im Abendland grossen Aufschwung und trug wesentlich zum volkstümlichen Charakter des Dreikönigsfestes am 6. Januar bei. Übrigens war es der frühchristliche Schriftsteller ORIGENES (+253/254), der zum ersten Mal die Dreizahl der Magier (im Text heisst es einfach: „Magier“ oder „Sterndeuter aus dem Osten“) präzisierte, wohl aufgrund der Dreizahl der Gaben. Spätestens seit CÄSARIUS VON ARLES (+542) sind die drei Weisen zu Königen geworden (davon sagt der biblische Text nämlich gar nichts) und seit dem 8./9. Jahrhundert glaubte man sogar ihre Namen zu kennen: BALTHASAR, MELCHIOR (der „Mohr“, der Schwarze) und KASPAR.

 

1.3 Bräuche des Festes

 

Je nach Region entwickelten sich um das Fest Epiphanie verschiedene Bräuche, von denen ich nur drei erwähnen möchte. Der bekannteste ist wohl die seit dem 11./12. Jahrhundert bezeugte Wasserweihe („Dreikönigswasser“), die ihre Wurzeln in der östlichen (ägyptischen) Tradition hat. Im Osten, wo man an Epiphanie die Taufe Christi feierte, war der 6. Januar ein beliebter Tauftag. Die Ostkirchen kennen ausserdem in der Epiphanienacht eine feierliche Wasserweihe, die nach Möglichkeit an einem Fluss oder am Meer vorgenommen und bei der ein Kreuz ins Wasser gesenkt wird. Dieser Brauch entstand aus der Segnung des Jordans zur Erinnerung an die Taufe Jesu („Jordanweihe“). Der heilige JOHANNES CHRYSOSTOMUS (+407) berichtet: „Die Leute bringen um Mitternacht dieses Festes Wasser in Krügen, das sie geschöpft haben, nach Hause und bewahren es das ganze Jahr auf, weil heute dieses Wasser geheiligt ist“. Dahinter verbirgt sich die im Osten verbreitete Auffassung, dass Jesus bei seiner Taufe durch sein Hinabsteigen in den Jordan die Wasser geheiligt hat. Der Volksglaube schrieb dem gesegneten „Dreikönigswasser“ eine besondere Kraft zu.

 

Neben dem allgemeinen Haussegen an Epiphanie ist vor allem in deutschsprachigen Ländern eine besondere Form entwickelt worden: Alle Räume werden mit Weihwasser und Weihrauch gesegnet, und mit gesegneter Kreide wird über den Türen die Segensformel geschrieben: 20+C+M+B+07: Christus Mansionem Benedicat“, die eine volkstümliche Interpretation als die Namen der drei heiligen Könige liest: Caspar, Melchior, Balthasar. Man vermutet hinter diesem Brauch altgermanische Gepflogenheiten. Im deutschen Sprachraum sind es mancherorts die als drei Könige verkleideten „Sternsinger“, die diese Segnung vornehmen. Die Haussegnung an Epiphanie soll vor allem sichtbar machen, dass die Menschwerdung Jesu, der „unter uns gewohnt hat“ (Joh 1,14), in den Alltag hineinwirkt. Dort wo dieser Brauch üblich ist, wäre es sinnvoll, wenn der Abt (Prior) oder die Äbtissin (Oberin oder der Spiritual des Klosters) an Epiphanie die Räume des Klosters segnen würde, wenn möglich in Gegenwart der Gemeinschaft oder wenigstens einiger Mitbrüder und Mitschwestern. Die entsprechenden Texte findet man in dem von den Bischofskonferenzen der jeweiligen Sprachregion herausgegebenen „Benedictionale“.

 

Seit ältester Zeit wird an Epiphanie nach dem Tagesevangelium das Datum des kommenden Osterfestes und das der davon abhängigen beweglichen Feste verkündet. In frühen Zeiten wurde nämlich an diesem Fest der „Osterfestbrief“ veröffentlicht, in dem der Christenheit das Osterdatum mitgeteilt wurde. Dieser Termin wurde deshalb gewählt, weil Christus, die neue Sonne, seit der Epiphanie im Aufgehen ist für Ostern. Dieser Brauch der Festankündigung an Epiphanie, welcher der Kathedralliturgie entstammt und im neuen „Missale Romanum“ immer noch vorgesehen ist, war in unserem Orden offiziell nie bekannt.

 

 

2. DAS FEST DER TAUFE DES HERRN

 

 

Die Taufe Christi war und ist im Osten der hauptsächliche Festinhalt von Epiphanie.

In der abendländischen Liturgie kam dieses Fest im 18. Jahrhundert auf, wurde aber erst 1960 in den römischen Festkalender aufgenommen, und zwar am 13. Januar,  also am Oktavtag von Epiphanie. Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil  hat dem Fest der Taufe des Herrn mehr Gewicht gegeben und es  darum auf den Sonntag nach dem 6. Januar festgelegt. Wo aber Epiphanie am Sonntag zwischen dem 2. und 8. Januar gefeiert wird, wird die Taufe des Herrn auf den folgenden Monat verlegt. In allen drei Lesejahren steht nun die Taufperikope im Mittelpunkt. Die schönen Texte des Stundengebetes (zum Beispiel die Antiphonen: „Baptizat miles Regem“, „Veterem hominem“, „Te, qui in spiritu“, Baptista contremit“ usw.)  sind zum Teil byzantinische Troparien, die Kaiser KARL DER GROSSE (+814) ins Lateinische übersetzen liess. Die Wasserweihe als Taufgedächtnis wäre am Fest der Taufe Christi sehr angebracht. Mit diesem Fest schliesst der Weihnachtsfestkreis ab und es beginnt wieder das „Tempus per annum“.

 

 

 

 

 

 

3. DER „ENGEL DES HERRN“ ( SALUTATIO ANGELICA, ANGELUS)

 

 

Im Rahmen der Advents- und Weihnachtszeit möchte ich auch einmal etwas schreiben über den schönen und beliebten kirchlichen Brauch des „Angelus“, zumal ich schon mehrmals darum gebeten worden bin. Der „Angelus“ ist nämlich ein dreimal am Tag wiederholtes Gedächtnis der Menschwerdung Gottes.

Das Angelus-Gebet hat sich seit dem 13. Jahrhundert allmählich zu entwickeln begonnen, bis es im Jahre 1600 seine uns geläufige und offizielle  Form erlangte.

 

 

3.1 Zur Geschichte des „Angelus“

 

Der „Angelus“ ist im franziskanischen Milieu entstanden. Der heilige FRANZISKUS VON ASSISI (+1226) war bei seiner Missionsreise im Orient vom fünfmaligen Gebetsruf des Muezzin von den Minaretten herab so beeindruckt, dass er solche Gebetszeiten auch im Abendland einzuführen gedachte. So schrieb er in einem Brief an die Oberen (Kustoden): „Und sein Lob sollt ihr allen Leuten so künden und predigen, dass zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht werde“. Diesen Wunsch sprach er sogar in einem Schreiben an die Lenker der Völker aus. Bruder Benedikt SINIGARDI (+1282), ein Gefährte des heiligen FRANZISKUS, liess nach seinem Aufenthalt im Heiligen Land um 1241 in seinem Heimatkloster Arezzo die Marienantiphon „Angelus Domini“ singen. Im Jahre 1251 beschloss das Generalkapitel unseres Ordens, dass nach dem abendlichen „Salve Regina“ kniend der Vers „Ave Maria“ und die Oration „Concede nos“ rezitiert werden solle (1325 erweiterte das Generalkapitel das „Ave Maria“ auf drei). Anlässlich des Generalkapitels von 1263 in Pisa riet der heilige BONAVENTURA (+1274) als Generalmagister des Franziskanerordens seinen Mitbrüdern: „Die Brüder sollen die Gläubigen anleiten, am Abend, wenn es in den Klöstern zur Komplet läutet, Maria dreimal zu grüssen. Sie sollen es mit den gleichen Worten tun, mit denen der Engel Gabriel Maria gegrüsst hatte, also mit dem ‚Ave Maria’ (vgl. Lk 1,38). Hier haben wir also die früheste Erwähnung des „Angelus“, und zwar am Abend. Nach der im Mittelalter weit verbreiteten Vorstellung war es nämlich Abend, als „der Engel des Herrn Maria die Botschaft brachte“. Das Provinzialkapitel der Franziskaner zu Padua verordnete 1294 den Minderbrüdern folgendes: „In allen Konventen läute man am Abend dreimal kurz die Glocke, um die Gottesmutter zu ehren. Alle Brüder sollen dabei die Knie beugen und dreimal beten: ‚Ave Maria, gratia plena’“. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war das Angelus-Läuten am Abend bereits in verschiedenen Gegenden Europas üblich, so 1327 auch in Rom. Dieses Läuten am Abend hatte zugleich aber auch einen praktischen Grund, denn es war das Zeichen zum „Lichterlöschen“ („ignitegium“, „coprifuoco“, „salvaterra“) und zum Schliessen der Stadttore. Papst JOHANNES XXII. (+1334) ordnete im Jahre 1318 an, dass zum täglichen Feierabendläuten die Gottesmutter Maria durch drei „Ave Maria“ kniend  zu grüssen sei und verband dieses Gebet mit einem Ablass. Im Übrigen erhielt das „Ave Maria“ erst im 14. Jahrhundert (an einigen Orten erst im 16. Jahrhundert) durch die Anfügung des zweiten Teils den uns heute bekannten Wortlaut.

 

            In der Abtei Montecassino und in den von ihr abhängigen Klöstern war es gegen Ende des 13. Jahrhunderts Brauch, die Glocke für das Beten des „Ave Maria“ nicht nur am Abend, sondern auch am Morgen, bei der Prim, zu läuten. Aus dem Jahre 1317/1318 haben wir die Nachricht vom Gebetsläuten am Morgen in der norditalienischen Stadt Parma, wo man jetzt damit das Gedenken an das grösste Heilsereignis, die Auferstehung Jesu, verband.  Gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts war in Europa der morgendliche „Angelus“ praktisch überall eingeführt.

 

            Am spätesten setzte sich das Gebetsläuten am Mittag durch, nämlich erst im 16./17. Jahrhundert. Es wird zum ersten Mal aus Prag überliefert, und zwar aus dem Jahre 1386. Da man zur Mittagszeit der Kreuzigung Jesu gedachte, wurde zunächst nur am Freitag geläutet. 1456 rief Papst CALIXTUS III. (+1458) dazu auf, täglich zwischen Non und Vesper die Glocken zu läuten und ein Vaterunser und drei „Ave Maria“ zu rezitieren für die Errettung der Christenheit. 1472 forderte der französische König LUDWIG XI. (+1483) dazu auf, am Mittag drei „Ave Maria“ für die Einheit und den Frieden des Reiches zu beten. 1518 ordnete Papst LEO X. (+1518) das Angelusgebet am Mittag an. In Deutschland fand der „Angelus“ der Mittagszeit erst im 17. Jahrhundert Einzug.

 

            In einem venezianischen Katechismus von 1560 sind erstmals die drei Verse erwähnt, die wir heute beim Angelusgebet verrichten: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist. Gegrüsst seist du, Maria“ – „Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort. Gegrüsst seist du, Maria“ – „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Gegrüsst seist du, Maria“. Bis 1560 bestand der „Engel des Herrn“ also nur aus dem Rezitieren von drei „Ave Maria“. Die Oration mit dem vorausgehenden Versikel als Abschluss des „Angelus“ hat sich ebenfalls erst im ausgehenden 16. Jahrhundert durchgesetzt. Im „Caeremoniale episcoporum“ von 1600 wurde der „Angelus“ auf Wunsch von Papst CLEMENS VIII. (+1605) im definitiven Wortlaut abgedruckt. 1742 hat Papst BENEDIKT XIV. (+1758) noch festgelegt, dass an Sonntagen der „Angelus“ stehend gebetet und dass er in der Osterzeit mit der Antiphon „Regina caeli“ ersetzt wird. Vor allem seit Papst PIUS XII. (+1958) kam die Gewohnheit auf, dass die Päpste an Sonn- und Festtagen zur Mittagszeit mit den Gläubigen den „Angelus“ beten, wobei sie am Schluss noch drei „Gloria Patri“ und das Totengedenken anfügen: „Requiem aeternam...“.

 

3.2 Der „Angelus“ in unserem Orden

 

Seit 1251 beziehungsweise seit 1325 kannte man in unserem Orden den abendlichen „Angelus“ nach dem „Salve Regina“. Hingegen scheint es, dass der dreimalige „Angelus“ mit dem jeweiligen Läuten in unserem Orden erst im Jahre 1765 offiziell vom Generalkapitel eingeführt worden ist. Das Statut von jenem Jahr präzisiert noch, dass man in der Osterzeit die Antiphon „Regina caeli laetare“ mit der entsprechenden Oration anfügen soll. Im Orden war und ist zwar die ursprüngliche Form des „Angelus“, nämlich die drei „Ave Maria“, üblich, aber einzelne Klöster oder Kongregationen haben sich den jeweiligen Ortsgebräuchen angepasst. So ist beispielsweise in einem Statut der zisterziensischen Reformbewegung (Strenge Observanz) von 1624 die Rede von den drei Versen, die den drei „Ave Maria“ vorausgehen.

 

            Nach dem früheren „Rituale Cisterciense“ und den „Usus Cistercienses“ (von 1957, Nummern 21, 14, 73, 192) war und ist in unserem Orden eigentlich immer noch die Praxis folgende: Während des ganzen Jahres wird am Morgen, am Mittag und nach der Komplet kniend (ad invicem) und still der „Engel des Herrn“ gebetet. Dazu läutet jeweils zu jedem der drei „Ave Maria“ dreimal die grosse Glocke. An den Sonntagen (schon zur Komplet am Samstag) und in der ganzen Osterzeit betet man den „Angelus“ immer stehend (extra stalla, dem Altar zugewandt). Die Anordnung des Generalkapitels von 1765, wonach man in der Osterzeit dem „Angelus“ die Antiphon „Regina caeli“ mit der Oration anfügt, wurde offenbar weder ins „Rituale Cisterciense“ noch in die „Usus Cistercienses“ aufgenommen. Wer nicht im Chor ist, wenn es zum „Angelus“ läutet, hält inne, wendet sich der Kirche zu, und betet kniend oder stehend den „Engel des Herrn“. Das ist die vom Orden überkommene und offizielle Überlieferung. Dort aber, wo sich in den Klöstern im Laufe der Zeit gemäss lokalen Traditionen eigene Bräuche eingebürgert haben, steht selbstverständlich nichts im Wege, dass sie diese weiterhin pflegen. Das betrifft vor allem auch den römischen Brauch in der Osterzeit den „Angelus“ durch das „Regina caeli“ zu ersetzen.

 

3.3 Der theologische Gehalt des „Angelus“

 

In seinem Apostolischen Schreiben „Marialis Cultus“ über die Marienverehrung vom 2. Februar 1974 hat Papst PAUL VI. (+1978) in Nr. 41 gut den theologischen und spirituellen Gehalt des „Angelus“ zusammengefasst, wenn er schreibt: „Dieses Gebet bedarf keiner Reform – es hat nach so langer Zeit nichts von seiner Kraft und seinem Glanz verloren, seine Struktur ist einfach und der Heiligen Schrift entlehnt – der historische Ursprung mahnt, für Frieden und Sicherheit zu beten – in seiner zeitlichen Ansetzung heiligt es gewissermassen (wie das liturgische Stundengebet) den Ablauf des Tages; es ruft das Ostergeheimnis in Erinnerung, denn nach der Erwähnung der Menschwerdung Christi bitten wir, ‚dass wir durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung geführt werden’... Es bleibt jedoch ungemindert der grosse Wert, der in der Betrachtung des Geheimnisses der Menschwerdung Christi liegt, der Gruss an Maria und die Zuflucht zu ihrer gütigen Fürsprache. Trotz des Zeitenwandels bleiben die Tageseinschnitte: Morgen, Mittag und Abend für die Arbeitszeiten der meisten Menschen bestimmend und bilden daher eine passende Einladung zu einem kurzen Verweilen im Gebet“.

Der „Angelus“ ist also dreimal am Tag ein sehr sinnvolles und bedeutsames Gedächtnis des Christus-Geheimnisses und unserer Erlösung.

 

[Zur Geschichte und Theologie des „Angelus“ vgl. etwa S. MAGGIANI, Art. Angelus, in: St. DE FIORES/S. MEO (Hg.), Nuovo dizionario di Mariologia, Cinisello Balsamo (Milano) 1986, 25-39; G. EGGER, Der Engel des Herrn. Meditation der Menschwerdung Gottes, Freiburg Schweiz 2001]

 

 

MITTEILUNGEN

 

 

Zum Schluss noch drei Mitteilungen:

 

 

1. Das „Ordinis Cisterciensis Directorium Divini Officii“ 2006/2007

 

Rechtzeitig vor Adventsbeginn haben alle Klöster das neue Ordensdirektorium 2006/2007 erhalten. Praktisch alle Diözesen, Orden und Kongregationen der Kirche haben solch ein liturgisches Direktorium (in vielen Fällen sogar umfangreicher als das unsere!). Unser Direktorium folgt jenem der Universalkirche und entspricht den meisten anderen Direktorien. Die ganze Arbeit wurde wiederum von unseren Mitbrüdern in Poblet geleistet, vor allem von unserem „Directorista“, Fr. Xavier GUANTER. Ihm und seinen Mitbrüdern sei unser herzlichster Dank gesagt. Wer bezüglich des Direktoriums irgendwelche Wünsche, Verbesserungsvorschläge oder Änderungen vorzubringen hat, möge diese direkt dem „Directorista“ in Poblet mitteilen.

 

2. Das 50jährige Jubiläum des „Institut Supérieur de Liturgie“ in Paris

 

Aus Anlass des 50jährigen Jubiläums des „Institut Supérieur de Liturgie“ fand vom 26.-28. Oktober 2006 in Paris eine Tagung statt, an der neben vielen Bischöfen und Liturgiewissenschaftlern auch der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordung, Kardinal Francis ARINZE, teilnahm. Dieses Institut hat bei der Erneuerung der Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine wichtige Rolle gespielt. An ihm unterrichtet übrigens auch unser Mitbruder P. Isaia GAZZOLA von der Abtei Lérins.

 

3. Die lateinische Edition des sogenannten Stephansbreviers

 

In nächster Zeit erscheint in der bekannten liturgiewissenschaftlichen Reihe „Spicilegium Friburgense“ (Academic Press, Freiburg Schweiz) als Band 44 die von P. Chrysogonus WADDELL OCSO, Abtei Gethsemani (U.S.A.), vorbereitete Edition des sogenannten Stephansbreviers von 1132 (da das Brevier unter Abt STEPHAN HARDING [+1134] entstanden ist). Es handelt sich dabei um das älteste Brevier unserer Ordensgeschichte und damit um den ältesten Zeugen der Liturgie in den Anfängen von Cîteaux. Dieses Brevier ist aber auch für die gesamte abendländische Liturgiegeschichte von Bedeutung. Die Handschrift, die in Berlin, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Ms.lat.oct. 402, aufbewahrt wird, wurde im Jahre 1939 von P. Konrad KOCH (+1955), Mönch der Abtei Himmerod entdeckt. In der Folge haben sich mit der Erforschung und der Edition dieser wertvollen Handschriften beschäftigt: P. Bruno GRIESSER (+1965), Abtei Mehrerau; Abt Bernhard KAUL (+2001) von Hauterive; Abtpräses Kassian LAUTERER von Mehrerau und P. Alberich M. ALTERMATT von Hauterive. P. Chrysogonus WADDELL, der seit Jahrzehnten die frühe Zisterzienserliturgie erforscht und bereits mehrere Editionen der Ursprungsdokumente des Ordens herausgegeben hat, konnte nun in geduldiger und mühevoller Arbeit auch diese umfangreiche Edition von fast 800 Seiten abschliessen und für den Druck vorbereiten. Er gibt dem Stephansbrevier fortan die Bezeichung „The Primitive Cistercian Breviary“.

 

 

*   *   *

 

 

Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, wünsche ich abschliessend eine reich gesegnete, lichtvolle Advents- und Weihnachtszeit und ein glückliches Jahres des Heiles 2007.

 

 

Ihr

 

fr. Alberich M. Altermatt O.Cist.

 

 

Kloster Eschenbach (Schweiz), 25. November 2006